. .

 

Das Neueste von heute - und gestern

Bild vergrößern
16.02.2010

„Milch von Irles Pferd“ mundete


Als der Verbraucher noch direkt vom Erzeuger versorgt wurde – eine Rückschau. In den Zeiten vor der Erfindung des Tetrapacks gab es am Kindelsberg eine Reihe von Milchbezirken. 

August Irle mit Tochter Friedel auf Verkaufsfahrt mit dem treuen „Max“ vor Theo Schmittges Haus in der Moltkestraße. Foto: privat

uha  „Wir trinken nur Milch von Irles Pferd“, dieser Ausspruch eines achtjährigen Jungen machte in den Kriegsjahren um 1940 mit Schmunzeln die Runde. Nicht unrecht hatte der kleine Bub. In der Tat: Jeden Morgen ab sieben war die Welt in Ordnung, da hörte man die laute Schelle des Milchmanns über die Straßen der Ortsteile: in der Mühlberg-Siedlung, auf dem Heidfeld, in Ernsdorf, auf dem Dörnberg und natürlich auch in den Dörfern um die heutige Stadtmitte herum. Walter Langenbach z. B. besorgte das Milchgeschäft in Fellinghausen und Buschhütten, Heinz Bertelmann in Eichen, auf dem Heidfeld und im Liesewald, jeder hatte seinen Bezirk. Frische Milch vom Bauern war bei den Menschen von jeher sehr begehrt und wichtiger Bestandteil der Versorgung.

Im damals noch dörflichen Kreuztal und Ernsdorf besorgte ab 1923 August Irle (1883-1965) dieses Geschäft, stationiert in der Heesstraße hinter der Bahnschranke, da wo heute die Fußgängerbrücke in westlicher Richtung wieder den Boden erreicht. Frühmorgens um halb fünf, bevor die ersten Hähne krähten, machte sich August Irle, genannt der „Melch-August“, auf den Weg, um bei den Bauern in Fellinghausen und Umgebung, selbst im „Kölschen“ z. B. in Schönau und Wenden die bis oben gefüllten Kannen frisch gemolkener Milch mit seinem kleinen Pferdefuhrwerk abzuholen. „Fanni“ hieß die Stute, die mit großer Zuverlässigkeit die Route kannte und selbst dann, wenn der Lenker mal eingeschlafen war, an jeder gewohnten Abholstelle, das waren kleine aus Holz gezimmerte Bänkchen, Halt machte.

In aller Regel begann gegen 7 Uhr das Austeilen der Milch im so genannten Litermaß, das halbe und volle Liter beinhaltete. Vollmilch war die Regel, aber in den Kriegsjahren gab es oft nur Magermilch, bei der der fette Rahm vorher abgeschöpft war. Dann rief Augusts Schwester Anna, die etwas sprachbehindert war, lauthals „Heute Magermilch“ – so mancher wird sich noch erinnern. Meist gegen 14 Uhr waren der Milchvorrat erschöpft und die Bevölkerung versorgt. Horst Breuer (76), heute in der Fellinghausener Landstraße zu Hause, erinnert sich gerne an die nicht wenigen Jahre, in denen er als noch kleiner Enkel von August und später ab 1955 als dessen Nachfolger in eigener Regie das Milchgeschäft betrieb.

Im Jahr 1937 erwarb August Irle den Führerschein und kaufte beim Kreuztaler Autohändler Carl Sohler einen Hanomag Rekord mit vier Türen, hinten mit einer großen Pritsche und zusätzlich mit Anhänger. Das Geschäft nahm in Sortiment (auch Quark, Käse, Sahne) und Umfang immer mehr zu. Ab Anfang der 1930er Jahre wurde die Milch von einer Molkerei in Kierspe in Kühlwagen zur Kreuztaler Güterabfertigung angeliefert und dort von den regionalen Verteilern übernommen. In späteren Jahren übernahm die Molkerei Geisweid diese Funktion.

In den letzten Kriegsjahren, als die Lebensmittelmarken aufkamen, wurde auch die Milch rationiert. Als es dann 1944 auch kein Benzin mehr gab, wurde August Irle von den NS-Behörden das Pferd „Max“ zugeteilt, der Hanomag wurde zwangsweise stillgelegt. In dieser Zeit beteiligte sich der Pferdbesitzer nun auch in der Land- und Forstwirtschaft, um das Überleben zu sichern. Nicht nur für ihn, für die gesamte Bevölkerung waren die Nachkriegsjahre schwere Zeiten. Etwa 1950 konnte ein Borgward-Kastenwagen erstanden werden, kurz danach ein Ford FK 1000. Als der „Melch-August“ sich 1954 zur Ruhe setzte, übernahm Horst Breuer das Milchgeschäft, betrieb einige Jahre einen Verkaufswagen mit allen gängigen Lebensmitteln und übernahm von 1957 bis 1967 von Erich Hirsch zwei Lebensmittelgeschäfte in der Bismarckstraße und in der Heesstraße. Lange ist’s her, die „Milch von Irles Pferd“ gehörte schon lange der Vergangenheit an.

Was früher schon im nachbarschaftlichen Rahmen ablief und heute in einigen Ortschaften auch noch: Einige wenige Verbraucher versorgen sich direkt beim Milchbauern mittels abendlichem Milchtopf. Ganz überwiegend aber werden heute in unserer Region die auf 4 Grad abgekühlten Milchmengen alle zwei Tage von einem Spezialtankfahrzeug übernommen und in der Regel zur Molkerei Campina in Köln gebracht. Nach Angaben von Henner Braach vom Landwirtschaftlichen Kreisverband Siegen-Wittgenstein gibt es im Stadtgebiet Kreuztal heute noch sechs abliefernde Milchbauern, wobei interessanterweise das Mengenaufkommen gegenüber früheren Jahrzehnten gleich geblieben sein dürfte. Milch-Analysen von jeder Lieferung jedes Bauernhofs bestätigen Qualität und Fettgehalt. Bei Campina wird durch Erhitzung bis mindestens 70 Grad C absolute Keimfreiheit und längere Haltbarkeit sichergestellt. Nach der Abfüllung in Tetrapack-Tüten oder Flaschen gehen die Gebinde an die Lebensmittelmarktketten und bieten dem Verbraucher ein gegenüber früher vielfältigeres Angebot.

Eines dürfte feststehen: „Irles Pferd“ würde heute die Welt nicht mehr verstehen.

Quelle: Siegener Zeitung